Erstmals seit 35 Jahren sinken die Gesundheitsausgaben in Europa in Folge der Finanzkrise. EU und OECD warnen vor den Folgen.
In Europa sind die Gesundheitsausgaben erstmals seit 1975 gesunken. Das geht aus einem von der EU und der OECD erstellten Bericht hervor. Statt deutlich zu wachsen wie in den vorangegangenen Jahren sind die Pro-Kopf-Ausgaben demnach in 2010 europaweit um 0,6 Prozent gesunken.
Für die nachfolgenden Jahre liegen noch keine Daten vor. „Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortgesetzt hat“, erläuterte aber der Gesundheitsexperte der OECD, Mark Pearson, dieser Zeitung. Insbesondere in den von der Wirtschaftskrise besonders betroffenen Ländern sinken die Ausgaben stark.
In Irland gingen die Gesundheitsausgaben um 7,9 Prozent zurück, in Griechenland um 6,7 Prozent, aber auch Länder wie Großbritannien ( minus 0,5) oder Dänemark (minus 2,1) verzeichneten Rückgänge. Italien und Portugal steigerten die Ausgaben 2010 zwar noch, bei ihnen folgte der Einbruch aber 2011 mit Rückgängen um 1,3 respektive 5,2 Prozent.
Noch ist laut Bericht keine Verschlechterung des Gesundheitszustandes der europäischen Bevölkerung erkennbar. Das müsse allerdings nichts bedeuten. „Es dauert, bis miese soziale Bedingungen und schlechte Behandlungsqualität sich auf die Gesundheit der Menschen auswirken.“
Wahllose Kürzungen
Die jetzigen Ausgabenkürzungen gehen in vielen Ländern deutlich über die ohnehin seit Jahren laufenden Bemühungen hinaus, den Anstieg der Gesundheitsausgaben zu dämpfen. Bei diesen Bemühungen wurde stets versucht, unnötige Therapien auszusortieren, günstigere Preise zu verhandeln, Strukturen zu ändern oder die Prävention zu verbessern.
Der Kieler Gesundheitswissenschaftler Fritz Beske, der die Entwicklung analysiert hat, erläutert, dass davon ausgegangen werden könne, dass keines der betroffenen Krisenländer auf die Ausgabenkürzungen vorbereitet gewesen sei. Dies bedeute, dass Kürzungen im Gesundheitssystem nicht wohlüberlegt erfolgten. „Mehr oder weniger bestimmt der Zufall, wer wann und wie versorgt wird – und wer nicht.“
In Griechenland fehlt es seit einiger Zeit an Medikamenten. In den Kliniken werden technische Geräte nicht gewartet, Katheter, Gips oder Desinfektionsmittel gehen aus. Eltern können die Impfung ihrer Kinder nicht bezahlen, die Rückkehr von Polio wird befürchtet. Tuberkulose und Malaria tauchen plötzlich wieder auf.
In Spanien fahren Kliniken Nacht- und Notdienste zurück. Die Wartezeiten auf eine ärztliche Behandlung haben sich dramatisch erhöht. In Großbritannien muss man selbst auf ein Krebsbehandlungen länger warten. Wer privat bezahlt, wird bevorzugt von den Krankenhäusern aufgenommen. Manche Leiden werden nur noch therapiert, wenn sie die Arbeitsfähigkeit der Patienten einschränken oder starke Schmerzen verursachen. In den Niederlanden wurden Zuschüsse für sozial Schwache und Vergünstigungen für Chroniker gestrichen.
Die einzigen beiden Länder in Europa, in denen die Ausgaben für die Gesundheit 2010 sogar noch stärker gestiegen sind als im Vorjahr sind Deutschland und Malta. In allen anderen Ländern, selbst in der Schweiz, verlangsamte sich der Ausgabenanstieg oder Ausgaben wurden gekürzt.
